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Interkulturelle Kommunikation darf keine Einbahnstraße sein!

 

 

 

Stephan Schack schult Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Weidener Stadtverwaltung

 

 

Weiden. Er ist schon fast ein Weidener geworden: der Naumburger Stephan Schack (Jahrgang 1964). Seit 2011 coacht er die Stadt Weiden als Teilnehmerin am Bundesprogramm „TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN“, das nun zu Ende geht.

 

Am 7. und 10. Oktober 2014 leitete der Diplom-Sozialpädagoge und Trainer für Interkulturelle Verständigung und Diversität zwei Schulungen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung. Die Veranstaltungen trugen den Titel „Interkulturelle Kommunikation und Verständigung im Verwaltungshandeln“.

 

Herr Schack, wie war die Resonanz der Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf das Angebot?

 

Schack: Beide Trainingstage waren sehr gut, einmal mit zehn und das andere Mal mit acht Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Wir hatten vor einem Jahr schon einmal diese Schulung durchgeführt, die so positiv ankam, dass wird dieses Jahr das Thema ausführlicher behandeln wollten.

 

 

Was sind Ihre Arbeitsgrundlagen?

 

Schack: Ich arbeite mit dem Konzept von Sabine Handschuck. Sie war früher am Jugendamt München tätig, ist jetzt selbständig und gilt als Expertin für interkulturelle Verständigung in der Sozialen Arbeit.

 

 

Welche praktischen Methoden haben Sie beim Training angewendet?

 

Schack: Zum Beispiel den “Besuch auf der Insel Albatros“, das heißt eine Begegnung mit einer fiktiven fremden Kultur. Anhand dieses Beispiels kann der große Unterschied zwischen Wahrnehmung und Interpretation deutlich gemacht werden.

 

 

Wie läuft das ab?

 

Schack: In der fiktiven Albatroskultur geht die Frau hinter dem Mann, darf erst nach ihm essen und sitzt am Boden, während er erhöht auf einem Schemel sitzt.

 

Bei uns kommt dieses Vorn-Hinten, Oben–Unten, Erster-Zweiter so an, als sei die Frau unterdrückt und benachteiligt. Dabei ist es in Wirklichkeit genau umgekehrt: Die Frau ist wertvoll, muss vor Gefahren und verdorbenem Essen beschützt werden und nur sie darf als Lebensspenderin auf der heiligen „Mutter Erde“ sitzen. Die Machtstruktur ist also ganz anders, als sie bei vielen von uns wirkt.

 

 

Was ist die Botschaft dieses Beispiels?

 

Schack: So wird gezeigt, wie es zu interkulturellen Missverständnissen kommt, wenn man Wahrnehmung und Interpretation nicht sauber voneinander trennt. Und genau hier liegt die größte Quelle für interkulturelle Missverständnisse.

 

 

Wie kam das bei den Weidener Teilnehmern und Teilnehmerinnen an?

 

Schack: Das hat für manches „Aha“ gesorgt, besonders bei denjenigen, die sozusagen „an der Front“ mit regem Parteienverkehr arbeiten, etwa in der Führerscheinstelle. Auch die an Weidener Schulen tätigen Sozialpädagogen und -pädagoginnen hörten da genauer hin. Ich habe vermittelt, dass man sich in der Praxis vor vorschnellen Schlüssen hüten, überlegen und nachdenken sollte: „Könnte es nicht vielleicht ganz anders sein, als das wofür ich es gerade halte?“

 

 

Das kostet aber Zeit!

 

Schack:Interkulturelle Begegnungen brauchen Zeit, viel Zeit! Da muss man sich in der Verwaltung vom 30-Minuten-Takt verabschieden.

 

 

Haben Sie Ihr Ziel in Weiden erreicht?

 

Schack: Das Ziel konnte jetzt nur die Sensibilisierung für die Besonderheiten der interkulturellen Kommunikation sein. Das wurde erreicht. Aber es gibt noch mehr zu tun: Der Sensibilisierung muss die interkulturelle Öffnung folgen. Da hat Weiden noch Bedarf.

 

 

Eigentlich bräuchten dieses Training alle Bürgerinnen und Bürger...

 

Schack: Dazu gibt es vielleicht Gelegenheit, wenn die Stadt bei dem neuen Bundesprogramm des Familienministeriums „Demokratie leben“ (2015 bis 2019) teilnehmen kann. Weiden bewirbt sich in diesen tagen in einem ersten Schritt um eine Beteiligung. Wenn alles positiv beschieden wird, können die Fähigkeiten für interkulturelle Kommunikation weiter gestärkt werden. Und eventuell bin ich auch wieder der Coach für Weiden ...

 

In der begrenzten Zeit diese Woche konnte also nur ein Funke gezündet werden. Aber ich bin mir sicher, es wurde ein guter Samen gesät!

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch!
(Das Interview führte A. Poscharsky-Ziegler)